Zum Inhalt

Wo ein Wille, da ein Weg

Person mit Hund auf einem Waldweg im Herbst, zwischen hohen Bäumen öffnet sich der Blick auf verschneite Berge

Es war einmal eine Installateurin in einem kleinen österreichischen Bezirk, die eines Tages beschloss: Ich baue keine Ölheizungen mehr ein. Eine Entscheidung, die ihr fast das Lebenswerk gekostet hätte und die, ein Vierteljahrhundert später, zum Gesetz wurde.

Aber der Reihe nach …

Mit 28 Jahren übernimmt Anne* den Betrieb ihrer Eltern, auch um ihrem Vater zu zeigen, dass sie mindestens so gut ist wie er. In den ersten Jahren zählt nur eines: das Geschäft erfolgreich weiterführen, Aufträge abarbeiten, Geld verdienen und das so wie alle anderen auch mit dem Einbau von Ölheizungen.

Aber da ist noch etwas anderes in ihr, das es schon lange vor der Übernahme gibt. Wenn sie allein im Wald spazieren geht oder in einem heftigen Gewitter steht, gibt ihr das Kraft. Und während sie Heizkessel montiert, dringen von draußen bedrückende Bilder zu ihr durch: Tanker, die ganze Küstenstriche mit Öl verwüsten. Kriege, die um Öl geführt werden. Irgendwann, mitten im Alltag, formt sich ein Gedanke in ihr, der sich nicht mehr verdrängen lässt: Nein. Da will ich nicht mittun.

Und neben der Naturverbundenheit und dem Weltgeschehen zeigt sich noch eine dritte Kraft: Sie will nicht nur, unter Anführungsstrichen, „Installateurin“ sein. Rohre verlegen, Heizkörper aufhängen, Waschbecken montieren – das reicht ihr nicht. Anne will etwas bewegen.

Dunkle Gewitterwolken über einem Bergtal, durch eine Wolkenlücke fallen Sonnenstrahlen zwischen die Bergflanken

Die Entscheidung

Sie fasst einen Entschluss: In Neubauten werden keine Ölheizungen mehr eingebaut. Doch noch bevor sie überlegen kann, wie sie ihn umsetzen will, passiert ein Fehler – einer, der sie beinahe die Existenz kostet. In einem Gespräch mit einem befreundeten Journalisten erzählt sie beiläufig von ihrer Entscheidung. Der ist so begeistert, dass er darüber berichtet.

Die Konsequenz

Die Mitarbeitenden sind wütend, aus der Zeitung von einer solch schwerwiegenden Entscheidung zu erfahren, und werfen ihr vor, ihre Existenz zu gefährden. Die Kundschaft springt ab, weil durch die verzerrte Kommunikation der Eindruck entsteht, Ölheizungen würden auch nicht mehr gewartet und repariert.

Und trotz des starken Gegenwinds gibt es für Anne keinen Weg zurück. Sie holt sich einen Berater, der sich im Nachhaltigkeitsbereich auskennt, weil sie weiß, dass sie das allein nicht schafft. Regelmäßig setzt sie sich morgens eine halbe Stunde mit ihrem Team zusammen. Es gibt keine Motivationsvorträge, sondern einen Blick auf die Schlagzeilen: Was ist diese Woche wieder passiert? Wieder ein gesunkener Tanker. Wieder eine Überschwemmung, bei der Öltanks in Kellern auslaufen und lokale Flüsse verschmutzen.

Die Botschaft

Wir tragen durch unsere Entscheidung nicht mehr zu diesen Katastrophen bei.

Nach außen rückt ein PR-Berater die Botschaft gerade: Bestehende Anlagen werden weiter gewartet, neue Ölheizungen werden keine mehr eingebaut. Es dauert, bis das ankommt, aber dann dreht sich der Wind. Die Mitarbeitenden sind stolz auf die neue Ausrichtung und von der Sinnhaftigkeit der Entscheidung überzeugt. Das können sie jetzt auch in Verkaufsgesprächen vermitteln. Wer partout eine Ölheizung will, bekommt eine klare Antwort: Da gibt’s andere, die das einbauen. Wir nicht mehr.

Auch im eigenen Haus räumt Anne auf: Statt fünf Lkw täglich für ein paar Schrauben lässt sie nur noch einmal wöchentlich liefern, möglichst von einem einzigen Großhändler – das Material in wiederverwendbaren Boxen statt in Plastik verpackt. Heute ist das branchenweit Standard.

Es folgt eine Zeit mit viel öffentlichem Interesse und positiver Berichterstattung, und Annes Engagement weitet sich über die eigene Firma hinaus aus.

Gestapelte, frisch geschnittene Holzstämme am Wiesenrand, im unscharfen Hintergrund gehen zwei Menschen spazieren

Ihr ist wichtig, dass Stückholz und Hackschnitzel – für sie das Natürlichste, was es gibt – auch bequem zu beziehen sind. Also geht sie zu den Bauern der Region. Es schlägt ihr viel Widerstand entgegen. In ihrem Frust sagt sie: „Ihr seids wohl einfach zu deppert.“ Ein junger Bauer lässt das nicht auf sich sitzen und baut kurzerhand einen eigenen Pumpwagen, mit dem sich Hackgut genauso bequem einblasen lässt wie Pellets. Aus der Provokation wird eine kleine Wärmegenossenschaft, die es bis heute gibt.

Gleichzeitig engagiert sich Anne in einem größeren Vorhaben:

Aus einem EU-Förderprogramm entsteht in ihrer Region zunächst eine „Bio-Region“, dann eine umfassendere Energie-Vision für den ganzen Bezirk mit dem Ziel, bei Wärme und Strom energieautark zu werden. Mit dabei: Hausfrauen, Hausmänner, Bauern, ein Professor – eine bunt gemischte Gruppe, in der Anne von Anfang an mitarbeitet.

Es zeigt Wirkung: Der Biomasseanteil an der Wärmeversorgung des Bezirks steigt von 25 auf rund 75 Prozent. Das örtliche Krankenhaus stellt von Öl auf Biomasse um. Selbst die Brauerei der Region heizt ihre Produktion komplett mit Biomasse.

Und heute

Was Anne damals fast das Unternehmen gekostet hätte, ist 25 Jahre später Gesetz. Ihr Bezirk gilt inzwischen als weitgehend energieautark. Diese Erfolge lassen sich nicht allein auf Annes Engagement zurückführen, aber sie hat einen Anfang gemacht. Sie ist erfolgreich aus dem Ölgeschäft ausgestiegen, zu einer Zeit, in der die meisten sie dafür für verrückt hielten. Sie hat nicht auf bessere Rahmenbedingungen gewartet, sondern dazu beigetragen, dass sich diese verändern.

*Der Name in dieser Geschichte ist anonymisiert: Das Interview liegt bereits einige Jahre zurück und wurde im Rahmen meiner Dissertation unter der Zusage der Anonymität geführt.

Initiatoren für den Wandel

  • Externe Schocks: Lokale und globale Umweltkatastrophen und Ölkriege
  • Wertekonflikt: Annes Naturverbundenheit und der Wunsch etwas anders zu machen stehen im Gegensatz zum konventionellen Ölgeschäft.

Zusammenspiel: Während die Naturverbundenheit schon lange bestanden hat, bedarf es zusätzlich einer Anhäufung mehrerer externer Ereignisse, bis der Druck auf das eigene Wertesystem so groß wird, dass er zu einer Handlung führt.